Liedtexte
Samstag, 23.5.2026
Franz Schubert (1797-1828)
Ständchen D. 957, Nr. 4 (aus Schwanengesang)
Ludwig Rellstab
Leise flehen meine Lieder
Durch die Nacht zu Dir;
In den stillen Hain hernieder,
Liebchen, komm’ zu mir!
Flüsternd schlanke Wipfel rauschen
In des Mondes Licht;
Des Verräters feindlich Lauschen
Fürchte, Holde, nicht.
Hörst die Nachtigallen schlagen?
Ach! sie flehen Dich,
Mit der Töne süßen Klagen
Flehen sie für mich.
Sie versteh´n des Busens Sehnen,
Kennen Liebesschmerz,
Rühren mit den Silbertönen
Jedes weiche Herz.
Lass auch Dir die Brust bewegen,
Liebchen, höre mich!
Bebend harr’ ich Dir entgegen!
Komm’, beglücke mich!
Mendelssohn (1809-1847) / Reimann (1936-2024):
“… oder soll es Tode bedeuten?“ Acht Lieder und ein Fragment
für Sopran und Streichquartett nach Gedichten von Heinrich Heine
1)
Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus ins Weite.
Zieh hinaus, bis an das Haus,
Wo die Veilchen sprießen.
Wenn du eine Rose schaust,
Sag, ich lass’ sie grüßen.
3)
Der Herbstwind rüttelt die Bäume,
Die Nacht ist feucht und kalt;
Gehüllt im grauen Mantel,
Reite ich einsam im Wald.
Und wie ich reite, so reiten
Mir die Gedanken voraus;
Sie tragen mich leicht und luftig
Nach meiner Liebsten Haus.
Die Hunde bellen, die Diener
Erscheinen mit Kerzengeflirr;
Die Wendeltreppe stürm’ ich
Hinauf mit Sporengeklirr.
Im leuchtenden Teppichgemache,
Da ist es so duftig und warm,
Da harret meiner die Holde,
Ich fliege in ihren Arm!
Es säuselt der Wind in den Blättern,
Es spricht der Eichenbaum:
„Was willst du, törichter Reiter,
Mit deinem törichten Traum?“
5)
Über die Berge steigt schon die Sonne,
Die Lämmerherde läutet von fern;
Mein Liebchen, mein Lamm, meine Sonne und Wonne,
Noch einmal säh’ ich dich gar zu gern!
Ich schaue hinauf mit spähender Miene –
Leb’ wohl, mein Kind, ich wandre von hier!
Vergebens! Es regt sich keine Gardine;
Sie liegt noch und schläft - und träumt von mir?
7)
Auf Flügeln des Gesanges,
Herzliebchen, trag ich dich fort,
Fort nach den Fluren des Ganges,
Dort weiß ich den schönsten Ort.
Dort liegt ein rotblühender Garten
Im stillen Mondenschein;
Die Lotosblumen erwarten
Ihr trautes Schwesterlein.
Die Veilchen kichern und kosen,
Und schaun nach den Sternen empor;
Heimlich erzählen die Rosen
Sich duftende Märchen ins Ohr.
Es hüpfen herbei und lauschen
Die frommen, klugen Gazelln;
Und in der Ferne rauschen
Des heiligen Stromes Welln.
Dort wollen wir niedersinken
Unter dem Palmenbaum,
Und Liebe und Ruhe trinken,
Und träumen seligen Traum.
9)
(Strophe 1 & 2)
Was will die einsame Träne?
Sie trübt mir ja den Blick.
Sie blieb aus alten Zeiten
In meinem Auge zurück.
Sie hatte viel leuchtende Schwestern,
Die alle zerflossen sind,
Mit ihren Schmerzen und Freuden,
Zerflossen in Nacht und Wind.
10)
In dem Mondenschein im Walde
Sah ich jüngst die Elfen reiten,
Ihre Hörner hört ich klingen,
Ihre Glöcklein hört ich läuten.
Ihre weißen Rösslein trugen
Goldnes Hirschgeweih und flogen
Rasch dahin; wie wilde Schwäne
Kam es durch die Luft gezogen.
Lächelnd nickte mir die Kön’gin,
Lächelnd, im Vorüberreiten.
Galt das meiner neuen Liebe?
Oder soll es Tod bedeuten?
11)
Ach, meine Liebe selber
Zerfloss wie eitel Hauch!
Du alte, einsame Träne,
Zerfließe du jetzt auch!
13)
Allnächtlich im Traume seh’ ich dich
Und sehe dich freundlich grüßen,
Und laut aufweinend stürz’ ich mich
Zu deinen süßen Füßen.
Du siehest mich an wehmütiglich
Und schüttelst das blonde Köpfchen;
Aus deinen Augen schleichen sich
Die Perlentränentröpfchen.
Du sagst mir heimlich ein leises Wort
Und gibst mir den Strauß von Zypressen.
Ich wache auf, und der Strauß ist fort,
Und’s Wort hab’ ich vergessen.
14)
Mein Liebchen, wir saßen beisammen
Traulich im leichten Kahn;
Die Nacht war still und wir schwammen
Auf weiter Wasserbahn.
Die Geisterinsel, die schöne
Lag dämmrig im Mondenglanz;
Dort klangen liebe Töne
Und wogte der Nebeltanz.
Dort klang es lieb und lieber
Und wogt es hin und her;
Wir aber schwammen vorüber,
Allein auf weitem Meer.
16)
Warum sind denn die Rosen so blass?
O sprich mein Lieb warum?
Warum sind denn im grünen Gras
Die blauen Veilchen so stumm?
Warum singt denn mit so kläglichem Laut,
Die Lerche in der Luft?
Warum steigt denn aus dem Balsamkraut
Verwelkter Blütenduft?
Warum scheint denn die Sonn’ auf die Au,
So kalt und verdriesslich herab?
Warum ist denn die Erde so grau,
Und öde wie ein Grab?
Warum bin ich selbst so krank und so trüb?
Mein liebes Liebchen, sprich
O sprich, mein herzallerliebstes Lieb,
Warum verliessest du mich?
Pfingstsonntag, 24.5.2026
Gustav Mahler (1860-1911)
bearbeitet von Stefan Heucke (*1959)
aus „Lieder von 1901“ nach Texten von Friedrich Rückert und
aus „Des Knaben Wunderhorn“ für Sopran und Streichquartett
Rheinlegendchen (bearb. Max Knigge (*1984)
Bald gras ich am Neckar,
Bald gras ich am Rhein,
Bald hab ich ein Schätzel,
Bald bin ich allein.
Was hilft mir das Grasen,
Wenn d’Sichel nicht schneidt,
Was hilft mir ein Schätzel,
Wenn’s bei mir nicht bleibt.
So soll ich denn grasen
Am Neckar, am Rhein,
So werf ich mein goldenes
Ringlein hinein.
Es fließet im Neckar
Und fließet im Rhein,
Soll schwimmen hinunter
Ins Meer tief hinein.
Und schwimmt es das Ringlein,
So frißt es ein Fisch,
Das Fischlein soll kommen
Aufs Königs sein Tisch!
Der König tät fragen,
Wems Ringlein sollt sein?
Da tät mein Schatz sagen,
Das Ringlein g’hört mein.
Mein Schätzlein tät springen,
Berg auf und Berg ein,
Tät mir wiedrum bringen
Das Goldringlein fein.
Kannst grasen am Neckar,
Kannst grasen am Rhein,
Wirf du mir nur immer
Dein Ringlein hinein.
Blicke mir nicht in die Lieder (bearb. Stefan Heucke *1959)
Blicke mir nicht in die Lieder!
Meine Augen schlag’ ich nieder,
Wie ertappt auf böser Tat.
Selber darf ich nicht getrauen,
Ihrem Wachsen zuzuschauen.
Deine Neugier ist Verrat!
Bienen, wenn sie Zellen bauen,
Lassen auch nicht zu sich schauen,
Schauen selbst auch nicht zu.
Wenn die reichen Honigwaben
Sie zu Tag gefördert haben,
Dann vor allen nasche du!
Ich atmet einen linden Duft (bearb. Stefan Heucke *1959)
Ich atmet’ einen linden Duft!
Im Zimmer stand
Ein Zweig der Linde,
Ein Angebinde
Von lieber Hand.
Wie lieblich war der Lindenduft!
Wie lieblich ist der Lindenduft!
Das Lindenreis
Brachst du gelinde;
Ich atme leis
Im Duft der Linde
Der Liebe linden Duft.
Hugo Wolff (1860-1903)
Auswahl aus den Liedern von Eduard Mörike
Begegnung
Was doch heut nacht ein Sturm gewesen,
Bis erst der Morgen sich geregt!
Wie hat der ungebetne Besen
Kamin und Gassen ausgefegt!
Da kommt ein Mädchen durch die Straßen,
Das halb verschüchtert um sich sieht;
Wie Rosen, die der Wind zerblasen,
So unstet ihr Gesichtchen glüht.
Ein schöner Bursch tritt ihr entgegen,
Er will ihr voll Entzücken nahn:
Wie sehn sich freudig und verlegen
Die ungewohnten Schelme an!
Er scheint zu fragen, ob das Liebchen
Die Zöpfe schon zurecht gemacht,
Die heute Nacht im offnen Stübchen
Ein Sturm in Unordnung gebracht.
Der Bursche träumt noch von den Küssen,
Die ihm das süße Kind getauscht,
Er steht, von Anmut hingerissen,
Derweil sie um die Ecke rauscht.
Verborgenheit
Lass, o Welt, o lass mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Lasst dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!
Was ich traure, weiß ich nicht,
Es ist unbekanntes Wehe;
Immerdar durch Tränen sehe
Ich der Sonne liebes Licht.
Oft bin ich mir kaum bewusst,
Und die helle Freude zücket
Durch die Schwere, so mich drücket
Wonniglich in meiner Brust.
Lass, o Welt, o lass mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Lasst dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!
Er ist´s
Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!
Gebet
(bearbeitet für Streichquartett und hohe Stimme von Stefan Heucke *1959)
Herr! schicke, was du willst,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, dass beides
Aus deinen Händen quillt.
Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.
Pfingstmontag, 24.5.2026
Johannes Brahms (1833-1897)
Zwei Gesänge für Altstimme, Viola und Klavier op. 91
Gestillte Sehnsucht
Friedrich Rückert
In goldnen Abendschein getauchet,
Wie feierlich die Wälder stehn!
In leise Stimmen der Vöglein hauchet
Des Abendwindes leises Wehn.
Was lispeln die Winde, die Vögelein?
Sie lispeln die Welt in Schlummer ein.
Ihr Wünsche, die ihr stets euch reget
Im Herzen sonder Rast und Ruh!
Du Sehnen, das die Brust beweget,
Wann ruhest du, wann schlummerst du?
Beim Lispeln der Winde, der Vögelein,
Ihr sehnenden Wünsche, wann schlaft ihr ein?
Ach, wenn nicht mehr in goldne Fernen
Mein Geist auf Traumgefieder eilt,
Nicht mehr an ewig fernen Sternen
Mit sehnendem Blick mein Auge weilt;
Dann lispeln die Winde, die Vögelein
Mit meinem Sehnen mein Leben ein.
Geistliches Wiegenlied
Emanuel Geibel
Die ihr schwebet
Um diese Palmen
In Nacht und Wind,
Ihr heil’gen Engel,
Stillet die Wipfel!
Es schlummert mein Kind.
Ihr Palmen von Bethlehem
Im Windesbrausen,
Wie mögt ihr heute
So zornig sausen!
O rauscht nicht also!
Schweiget, neiget
Euch leis’ und lind;
Stillet die Wipfel!
Es schlummert mein Kind.
Der Himmelsknabe
Duldet Beschwerde,
Ach, wie so müd’ er ward
Vom Leid der Erde.
Ach nun im Schlaf ihm
Leise gesänftigt
Die Qual zerrinnt,
Stillet die Wipfel!
Es schlummert mein Kind.
Grimmige Kälte
Sauset hernieder,
Womit nur deck’ ich
Des Kindleins Glieder!
O all ihr Engel,
Die ihr geflügelt
Wandelt im Wind,
Stillet die Wipfel!
Es schlummert mein Kind.
Frank Bridge (1879-1941)
Three Songs für Viola, Klavier und Mezzosopran
Far, far from each other
Matthew Arnold
Far, far from each other
Our spirits have flown.
And what heart knows another?
Ah! who knows his own?
Blow, ye winds! lift me with you
I come to the wild.
Fold closely, O Nature!
Thine arms round thy child.
Ah, calm me! restore me
And dry up my tears
On thy high mountain platforms,
Where Morn first appears,
Where is it that our soul doth go?
Kate Freiligrath Kroeker
One thing I'd know : when we have perished,
Where is it that our soul doth go?
Where is the fire that is extinguished?
Where is the wind but now did blow?
based on a text by Heine (1797 - 1856)
Music when soft voices die
Percy Bysshe Shelley
Music, when soft voices die,
Vibrates in the memory;
Odours, when sweet violets sicken,
Live within the sense they quicken.
Rose leaves, when the rose is dead,
Are heaped for the belovèd's bed;
And so thy thoughts, when thou art gone,
Love itself shall slumber on.
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